Unsere Kinder sind flügge… was wird nun aus mir/uns?

von Beate Bösche, Perspektivencoaching

„Ich habe alles gepackt, denn ich werde nicht wieder zurück nach Hause ziehen!“ sagte meine 20-jährige Tochter als die gepackten Koffer, Kartons und Taschen schon im Eingangsflur unseres Hauses standen.

Das sind Bilder und Erinnerungen, die ich nie vergessen werde. Sie läuteten eine neue Zeit in meinem Leben ein. Die von mir geliebte Familienzeit mit Schulkindern und Schulalltag ging wirklich zu Ende. Meine Tochter fing tatsächlich an zu studieren – und das auch noch im Ausland. Ihr Zimmer war nun leergeräumt und mein Inneres fühlte sich auch irgendwie leer  an.

Der Begriff „Empty Nest Syndrom“ (engl. „leeres Nest“) scheint da wirklich passend für die Eltern, die auf einmal unter der Krise leiden „ein leeres Nest“ zu Hause haben, weil ihre Kinder „flügge“ geworden sind. Für mich als Mutter und für uns als Eltern galt es nun, diese Krise zu meistern und unsere Aufgaben und Rollen neu zu definieren.

Abschied bewusst er-leben

Auf einmal war klar, dass es ein Lebensabschnitt war, der zu Ende ging. Das hieß: Abschied nehmen. Zu einem guten Abschiedsprozess gehören Trauer und Wertschätzung gleichermaßen. Beides soll seinen Platz haben. Es dürfen Tränen kullern und der Kloß im Hals hat seine Berechtigung, wenn man sich verabschiedet (das leere Zimmer betritt, Fotos anschaut) oder sich einfach so auf einmal nur leer und allein fühlt. Zu guter Abschieds-Arbeit gehört die Wertschätzung. Es tut gut sich zu erinnern: ein Fotobuch oder eine Collage kann an dieser Stelle zu einem wahren Schatz werden. Ebenso hilfreich kann es sein,  einen Brief an das Kind schreiben: die Dinge ehrlich formulieren, die ich an meinem Kind schätze  und die ich vermissen werde. Nicht immer ist es angebracht, diesen sofort dem Kind zukommen zu lassen. Aber es ist in jedem Fall  auch eine Möglichkeit für mich, um mein Inneres gut zu sortieren.

Für diese traurigen und wertschätzenden Phasen braucht man Zeit. Ganz unterschiedlich viel Zeit, die im Optimalfall auch gezielt in meiner Zeitplanung vorkommt.

Neu das eigene Leben entdecken und leben

In dieser Neu-Orientierungsphase gilt es nach dem Abschied auch nach vorne, in die Zukunft, zu schauen. Den Fokus auf das eigene Leben zu richten, und die neu entstandenen Freiräume bewusst und sinnvoll zu nutzen.

Weniger Wäsche, weniger putzen, weniger kochen, weniger Kinder“transporte“, bedeutet auf der anderen Seite viel mehr Zeit über die ich selber verfügen kann. Was will ich damit anfangen? Ich überlegte damals, was mir wirklich wichtig ist. Welche Ziele möchte ich in meinem Leben noch erreichen? Wie will ich mich beruflich weiterentwickeln, welchem Hobby (wieder) nachgehen und in welchem Ehrenamt will ich mich investieren?

Ich persönlich habe noch eine Coach-Ausbildung gemacht und mich damit nebenberuflich selbstständig gemacht. Das ist für mich wie ein verschütteter Traum, der zum Glück doch noch entdeckt und ins Leben gebracht wurde. Außerdem habe ich überlegt, was mit dem schönen Zimmer unserer Tochter geschehen soll. Dauerhaft Leerstehen – viel zu schade. Es hat inzwischen schon einigen Jugendlichen als Unterkunft während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres gedient. Jeder hat andere Ressourcen, die freigesetzt werden können, wenn die Kinder aus dem Haus gehen.

Frischer Wind für die langjährige Beziehung

Das gilt nicht nur für mich als Mutter, sondern auch für uns als Eltern-Paar. Auch hier gibt es neue Frei-Räume, Spontanität und längere Zeiträume am Stück sind wieder im Alltag anzutreffen. Es erinnert an die eigene Studentenzeit und macht Lust, Neues auszuprobieren. Auf einmal wieder „mehr“ Paar sein und „weniger“ Eltern sein. Auch das ist ein Lernprozess auf dem Weg, sich neu dem Leben zuzuwenden. Gemeinsam zu überlegen, was uns als Paar ausmacht und was uns beiden für unsere Beziehung jetzt wichtig ist: Gemeinsam sportlich aktiv sein, gemeinsam eine neue Fremdsprache erlernen, ein gemeinsames Ehrenamt ausüben. Gemeinsamkeiten und persönliche Freiräume müssen neu abgesteckt werden.

Darüber hinaus verschieben sich die Eltern-Aufgaben. Wo ich bisher für das ganz praktische Versorgen und Umsorgen meines Kindes verantwortlich war, kommen jetzt andere „Eltern-Aufgaben“ auf mich zu. Da fallen mir die langen nächtlichen Telefonate ein, in denen ich meinem „erwachsenen Kind“ mit Rat, Lebenserfahrung und ermutigenden Worten zur Seite stehe. Auf einmal ist es der Mentor und Coach in mir, der gefordert wird. Vorzugsweise auch noch im „Doppelpack“, wenn mein Mann und ich gemeinsam das Gespräch führen. Es ist für alle Beteiligten eine besondere Erfahrung, Leben zu teilen und zu gestalten.

Eine Sache, die ich persönlich – als ambitionierter „Kurzreisen-Fan“ sehr genieße – meine Kinder an ihren verschiedenen Ausbildungsorten zu besuchen. Stuttgart-München-Linz, alles Städte, in denen ich mich sonst wohl nicht so wohl gefühlt hätte, wenn nicht meine Kinder da wären. Scherzend sage ich oft, dass wir nun drei Feriendomizile haben, seit unsere Kinder aus dem Haus sind.

Dort, wo damals die gepackten Habseligkeiten in unserem Eingangsflur standen, hängen nun unsere Familienbilder vom letzten Abitur-Ball. Mit einem dankbaren Blick schaue ich mehrmals am Tag darauf. Die Gesichter auf den Fotos erinnern mich jedes Mal daran, wie reich mein Leben ist. Reichtum, der in bewusst gestalteten Lebensphasen, entstehen durfte. Dazu zählt auch, bewusst diese „Empty Nest“ Zeit zu durchleben: Abschied zu nehmen, und neu ausgerichtet  in den nächsten Lebensabschnitt  zu gehen.

Wenn man mehre Kinder hat, kann das auch ein längerer Prozess sein. Wir haben drei Kinder und unsere Tochter ist das mittlere Kind. Mittlerweile ist aber auch der Jüngste aus dem Haus und wir starten durch in das „beste Lebensalter“.

Beate Bösche