„Kind, mach was Anständiges!“

– von Helge Pöstges

Der Teenager in meiner Beratung hat viele Fähigkeiten im handwerklichen Bereich. Er bastelt gerne, schraubt gerne und will KFZ-Mechatroniker werden. Ich empfinde es als sehr passend. Aber er kann es nicht werden, denn er hat ein Problem: Der Teenager ist ein Mädchen.

Werde du, was ich will!

Und Mädchen werden keine Automechaniker. Zumindest nicht bei diesem Vater. Sie soll was Angemessenes, was Anständiges machen. Daher wird sie nun Kauffrau. Sie mag keine Zahlen, will nicht im Büro, sondern in der Werkstatt arbeiten. Aber der Vater will es anders und sie kann sich nicht wehren. „Du wirst, was ich will“. So würde es wohl niemand Formulieren, und doch verhalten sich Eltern, meiner Erfahrung nach, oft so.

Das Kind als Umsetzer meiner Träume?

Ohne Zweifel haben Sie als Eltern den meisten Einfluss auf die Berufswahlentscheidung Ihres Kindes. Daher ist es wichtig, sich diesen Einflusses bewusst zu werden. Orientieren Sie sich an Ihrem Kind. Je mehr Sie sich auf ihr Kind einlassen (Was sind die Träume meiner Tochter? Was kann mein Sohn wirklich gut?) desto mehr können Sie von Ihren eigenen Wünschen abrücken (Was träume ich für meine Tochter? Was will ich, dass mein Sohn wirklich gut kann?).

Motive hinterfragen

Ich will Sie, als Eltern, ermutigen Ihre Motive zu hinterfragen. Neulich meinte eine Mutter zu mir, dass nur eine Ausbildung etwas Anständiges wäre, und dass das Ergebnis meiner Beratung schon bitte in diese Richtung deuten sollte. Ich weiß nicht, wie diese Überzeugung entstanden ist. Ich bin eher so geprägt, dass ein Studium die „höherwertige“ Ausbildung ist (was auch Unsinn ist). Aber ich treffe immer wieder auf Ansichten, die jeder objektiven Grundlage entbehren. Meine Empfehlung: Fragen Sie, als Eltern, sich regelmäßig: Warum nehmen Sie dies oder jenes für Ihr Kind als gut an? Was empfehle Sie und warum? Von welchen Vorstellungen sind Sie geprägt?

Künstler? Sportler? Berater?

Wenn Sie in sich hineinfragen: Was ist meiner Meinung nach kein „anständiger“ Beruf? Was fällt Ihnen dann ein? Künstler? Sportler? Berater? Vielleicht ist es das Beste für Ihr Kind Künstler zu werden. Warum nicht? Wir sind von vielen Künstlern sehr beeindruckt und bewundern viele Sportler. Aus meiner Perspektive ist die Beurteilung von Eltern, was ihr Kind werden sollte und was nicht, meist nicht objektiv nachzuvollziehen. Sie basiert auf Annahmen und Prägungen, die für das Kind nicht zutreffen und ihm nicht helfen, seinen Weg zu finden.

Vom Kind aus gedacht

Versuchen Sie sich in Ihr Kind hineinzuversetzen, um die Frage, was Ihr Kind werden könnte, zu beantworten. Helfen Sie Ihrem Kind über sich selbst zu reflektieren und halten Sie sich zurück mit Ratschlägen oder Meinungen über Berufe. Wir bei xpand bieten Ihnen bzw. Ihrem Kind die Möglichkeit, Stärken und Fähigkeiten herauszufinden und über Berufe nachzudenken, die dazu passen. Frei von vorgefertigten Meinungen über Berufe oder Wünschen für Ihr Kind. Wir unterstützen Sie dabei, dass Ihr Kind einen Beruf findet, der ihm Freude macht (vielleicht sogar mehr als Ihrer Ihnen). Hoffentlich ergeht es Ihrem Kind dann anders als dem Mädchen vom Anfang. Sie erlernt gegen ihren Willen etwas, was ihr Vater als „anständig“ ansieht, aber zu ihr gar nicht passt.

 


Helge Pöstges