Ich bin halt so!

– von Anne Burdenski

Ich muss zugeben, dass es viele Jahre gab, in denen ich Menschen, die das so einfach sagen konnten, sehr bewundert habe. Wer weiß, wer er ist, wer seine Stärken kennt und dazu stehen kann, hat eine starke Ausstrahlung. Er findet leichter seinen Weg und kann auch entspannter zu seinen Schwächen stehen.

Wer bin ich?

Heute lerne ich im Coaching Menschen kennen, denen es ähnlich geht wie mir damals. Und ich erlebe, wieviel schwerer die Suche nach der eigenen Berufung (sogar das Treffen einzelner Entscheidungen) sein kann, wenn man diese grundlegenden Aussagen über sich selbst nicht treffen kann.

Eigene Stärken kennen

Zum Glück habe ich auf meinem Weg viele Hilfestellungen kennengerlernt. Zum Beispiel eine einfache Potenzialanalyse – schwarz auf weiß zu sehen, was die eigenen Stärken sind, ist leichter anzunehmen als die Aussage eines Freundes oder eine eigene Bewertung. Wer sich selbst zu kritisch sieht, glaubt dem positiven Zuspruch eines Freundes vielleicht nicht, und Menschen, deren Anspruch an sich selbst sehr hoch ist, bekommen ein „das kann ich wirklich gut“ kaum über die Lippen. Oft erlebe ich im Coaching wie mein Gegenüber erleichtert aufatmet, wenn wir uns das Ergebnis des Persönlichkeitsprofils anschauen. Die Erläuterungen bestätigen eigene Stärken oder erklären Irritationen und lassen das eigene Verhalten nachvollziehbar und positiv erscheinen. Zu sehen wie mein Gegenüber glänzende Augen bekommt, wenn er oder sie über die eigenen Stärken, Fähigkeiten und Werte spricht, ist einfach nur toll.

Mut haben, sich zu zeigen

Zum „einfach ich selbst sein“ gehört aber auch der Mut, sich selbst zu zeigen, alte Bilder abzulegen und falschen Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen – gerade bei den Dingen, die man selbst für nicht gut (genug) befindet. So kann z.B. für jemanden, der ständig hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt, die Vorstellung, andere könnten erkennen, wie er wirklich ist, tiefes Unbehagen auslösen. So kann die Auseinandersetzung damit schwierig, sogar schmerzhaft sein. Brené Brown nennt eins ihrer Bücher zu diesem Thema „Daring greatly“ – und genau darum geht es: um den Mut, zu wagen. Das eigene Gesicht zu zeigen, zu den eigenen Stärken, Wünschen und zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen kostet Mut. Das gilt nicht für alle Menschen, zumindest nicht für die, die ich früher bewundert habe. Es gilt aber für all diejenigen, die damit ihr persönliches Neuland betreten.

Wozu das Ganze?

Lohnt sich diese Anstrengung? Ich würde sagen: auf jeden Fall. Allein für das persönliche Lebensgefühl, aber auch, wenn es darum geht, den eigenen Weg im Leben zu finden. Romano Guardini spricht von einem Auftrag, den jeder Mensch hat und den wir nur leben können, wenn wir „wir selbst sein“ können. Bei ihm heißt es „Ich soll sein wollen, der ich bin; wirklich ich sein wollen, und nur ich. Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir dadurch in der Welt zugewiesen ist.“ (R. Guardini: Die Annahme seiner selbst)

Für mich ist es eins der größten Anliegen: selbst meinen Auftrag zu leben und andere Menschen darin zu unterstützen, den ihren zu finden und aus ganzem Herzen sagen zu können: “Ich bin halt so.“


Anne Burdenski